Folge 3: Jüdisches Museum Rendsburg
Shownotes
Hier gehts zur Website des jüdischen Museums: https://jmrd.de/
Was ist Hope and Despair? https://www.interreg-de-dk.eu/projekte-ergebnisse/unsere-projekte-1/einzelansicht-projekte/hope-despair/
Interreg: https://www.interreg-de-dk.eu/
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Folgentranskripte: Hope and Dispair
Folge 3: jüdisches Museum Rendsburg
[Oliver Ujc]Dänemark und Deutschland, Jütland und Norddeutschland eine europäische Grenzregion mit langer und zugleich wechselvoller Geschichte. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland und der Besetzung Dänemarks 1940 veränderte sich das. Miteinander grundlegend. Fragen von Widerstand, Anpassung, Kollaboration und Überleben wurden für viele Menschen zur täglichen Realität. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Verzweiflung bewegten sich Handlungsspielräume und Entscheidungen. Acht Gedenkstätten, Museen und Tourismusagenturen auf beiden Seiten der Grenze erzählen gemeinsam von diesen Erfahrungen und ihrem Nachwirken bis heute. [Maxi]Und damit herzlich willkommen zur dritten Folge vom Hope Despair Podcast, dem Podcast, der Erinnerungskultur hörbar macht. Wir sind Mats und Maxi und freuen uns, dass ihr auch in der dritten Folge uns wieder begleitet auf dieser Gedenkreise. Wir sind gerade aktuell von Folge 2 Husum-Schwesing auf dem Weg nach Rendsburg. Im Südosten, circa 56 Kilometer weit weg, werden wir heute ein etwas ich sag mal, fröhlicheres Thema haben als sonst bisher. Die KZ-Gedenk und Begegnungsstätten. Denn heute sind wir im Jüdischen Museum Rendsburg.[Mats]Und wie du schon meintest, ist das eben ein bisschen was anderes als die bisherigen Gedenkstätten, denn da ging es ja hauptsächlich um die NS-Zeit. Und im Jüdischen Museum Rendsburg geht es eben um jüdisches Leben allgemein, sowohl in der Vergangenheit als auch im Jetzt.[Maxi]Und wir haben wieder unsere Kollegin Finja losgeschickt, heute ins Jüdische Museum Rendsburg. Und Finja, erzähl uns doch gerne einfach mal, wie es dort eigentlich ist.[Finja]Ich stehe vor dem Jüdischen Museum in Rendsburg. Vom Bahnhof aus bin ich keine 10 Minuten hierhergelaufen. Von außen sieht das Gebäude aus wie ein ganz normales Wohnhaus. Drinnen erfahre ich, dass ich mich in einer ehemaligen Synagoge befinde. Der Ort wirkt von außen überraschend unauffällig. Ich als sie 1844 gebaut wurde, durfte sie nicht als Gotteshaus erkennbar sein. Das Museum besteht aus zwei historischen Gebäuden, der ehemaligen Synagoge und der früheren Talmotorraschule. Beide sind miteinander verbunden und bis heute vollständig erhalten. In der Synagoge gehe ich zuerst durch zum Betsaal. Der Raum ist ruhig, fast leer, aber voller Möglichkeiten. An interaktiven Stationen kann ich meine Gedanken zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen aufschreiben. Über eine Treppe gelange ich auf die Frauenempore. Hier lerne ich, dass sie in orthodoxen Gemeinden der Geschlechtertrennung dient. Auch hier ist das Ausgestellte interaktiv. An einer Station probiere ich meinen Namen auf Hebräisch zu schreiben, an einer anderen höre ich Schüler innen erzählen, wie sie jüdische Feiertage erleben. Weiter im Gebäude der ehemaligen Talmuntura Schule befinde ich mich schließlich in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums. Seit 2023 ist sie neugestaltet und richtet den Blick nicht nur auf den Holocaust, sondern auf über 400 Jahre jüdisches Leben in Schleswig-Holstein. Themen wie Migration, Zusammenleben, Zugehörigkeit und der Umgang mit Antisemitismus ziehen sich durch die Ausstellung. Es geht nicht nur um Vergangenheit, sondern um Vielfalt, Zusammenleben und Gegenwart. Inklusion ist dabei kein Nebenthema. Es gibt ein Blindenleitsystem, Prellschrift an vielen Stationen und Tablets mit Gebärdensprachen, neben Videos mit Ton. Als ich das Museum wieder verlasse, denke genau so fühlt sich zeitgemäße Erinnerung an.[Maxi]Vielen Dank, Finja, dass du für uns ins Jüdische Museum Rendsburg gefahren bist. Ich fand das klang sehr interessant, einfach auch, als würde man viel mitmachen können. Und vor allem, dass da auch Barrierefreiheit so großgeschrieben wird, finde ich in der heutigen Zeit ganz, ganz wichtig.[Mats]Vor allem so, dass jeder und jede mitmachen kann und niemand ausgeschlossen wird.[Maxi] Das kann man, finde ich, heutzutage auch erwarten. Allerdings, dass das in einem so alten Gebäude so umgesetzt wird, muss man sagen.Das ist sehr fortschrittlich
[Mats] und respektabel. Und über dieses Museum reden wir heute mit Jonas Kuhn. Er ist Leiter des Museums und ich würde sagen, stell dich doch mal kurz selbst vor.[Jonas Kuhn]Hallo, mein Name ist Jonas Kuhn. Ich bin Leiter des Jüdischen Museums. Das heißt, ich verantworte hier zum Beispiel Ausstellungen, aber arbeite auch viel mit Gruppen.[Maxi]Ich freue mich auf jeden Fall auf das Gespräch. Was bedeutet denn das Museum für dich persönlich und was magst du an deiner Arbeit am liebsten?[Jonas Kuhn]Für mich ist dieser Ort ein sehr wichtiger Ort, weil er an einem historischen Ort ist. Hier war das Jüdische Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde in Rendsburg, die heute nicht mehr existiert. Das heißt, es ist eine Arbeit, die mit viel Verantwortung einhergeht, aber für mich persönlich eben auch mit großer Sinnhaftigkeit. Und ich habe hier die Möglichkeit, über sehr wichtige Themen mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Erinnerung bedeutet ja immer auch Veränderung der Gegenwart und oder Beeinflussung der Gegenwart oder Lernen für die Zukunft. Und das ist für mich eine ganz große Sinnhaftigkeit und an diesem Ort kann ich also Dinge tun, die ich persönlich für sehr sinnvoll erachte.
[Mats]Das klingt einerseits sehr schön und auch erfüllend, aber gleichzeitig geht ja mit der Leitung eines solchen Museums auch eine gewisse Verantwortung einher. Merkst du das bei deiner Arbeit oder ist dir das an manchen Stellen sogar bewusster als an anderen?[Jonas Kuhn]Verantwortung in meiner Arbeit? Das ist eine ganz schwierige Frage, weil es wirklich komplex ist. Ich habe eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die hier mal gewirkt haben, meiner Ansicht nach, also pietätvoll mit Biografien umzugehen. Ich habe eine Verantwortung gegenüber Jüdinnen und Juden, die heute leben, deren Leben, deren Fragestellung, deren Position angemessen darzustellen, gerade als Mensch, der nicht jüdisch ist. Unser gesamtes Team ist nicht jüdisch. Also das Problem der kulturellen Aneignung gut im Blick zu haben, ist auch verantwortungsvoll. Und ich habe natürlich auch eine Verantwortung gegenüber der Institution des Museums, dass das Museum so läuft, dass Leute Lust haben, hierher zu kommen.[Maxi]Das stimmt. Es klingt auf jeden Fall so, als hättest du einen großen Verantwortungsbereich, als wäre das auch sehr vielschichtig und Verantwortung sozusagen in verschiedensten Bereichen, wo du einfach, ich sag mal, einen gewissen Grad an Aufpassen irgendwie dabei hast, aber auch, dass man ja wahrscheinlich diese Verantwortung auch gerne tragen möchte.[Mats]Ja, so habe ich das auch verstanden. Aber man muss auch sagen, ich finde es schön, dass du deine Arbeit so ernst nimmst und auch reflektierst, was an welchen Stellen quasi wichtig ist zu beachten. Und das Museum ist ja der einzige Ort auf unserer Reise, welches nur indirekt einen Bezug zur NS-Zeit hat. Was ist sonst das Besondere an dem Ort und was beschreibt den Ort am Ehesten?[Jonas Kuhn]Das Museum hatte schon immer das Problem, weiß ich jetzt nicht, ob man das Problem nennen soll, aber es war schon immer so, dass wenige Zeitzeug*innen überhaupt vor Ort waren es auch wenige wirklich Dokumente von Zeitzeugen gab es zum Beispiel in Videointerviews. Meistens war das eher verschriftlicht oder es waren eben Aufsätze von Forschenden, die hier vorgewirkt haben. Deswegen arbeiten wir tatsächlich schon sehr lange ohne Zeitzeuginnen, die direkt da sind. Und wir versuchen eben in erster Linie mit sogenannten Ego Dokumenten zu arbeiten, also mit Sachen, die Menschen hinterlassen haben, wo sie in Anführungszeichen selber zu Wort kommen Und durch diese Bezüge Empathie bei unseren Besuchenden herzustellen.[Maxi]Ich glaube, mir war vorher auch gar nicht so ganz bewusst, dass das Jüdische Museum Rendsburg eben nicht nur den Fokus auf der NS-Zeit hat, sondern eigentlich einen ganz anderen Fokus setzt. Und ich glaube, das ist auch noch mal wichtig zu betonen, dass das eben kein Täterort ist, sondern die anderen drei Orte unserer Reise, Aber dieses Jüdische Museum eben nicht. Gibt es denn trotzdem einen Ort im Museum, der dir nach der ganzen Zeit manchmal noch irgendwie eine eigene Reaktion entlockt oder wo du sagst, der bedeutet dir selbst mehr?[Jonas Kuhn]Ja, es gibt eine Stelle, die mir tatsächlich sehr viel bedeutet. Es gibt sehr viele Exponate, die mir auch am Herzen liegen. Wir haben sehr viele sehr kleine, sehr persönliche Exponate. Aber mein Lieblingsort im Museum ist tatsächlich die Station zu Makabi Deutschland im Bereich zur jüdischen Gegenwart. Dort haben wir nämlich einen Boxsack hängen. Und dieser Boxsack ist deswegen für mich so bedeutungsvoll, weil er immer als Kontaktmöglichkeit zu Jugendlichen dient. Also wenn ich Jugendliche habe, von denen ich merke, die haben nicht so viel Bock oder die können gerade nicht so, wie sie eigentlich wollten oder sollten, dann gehe ich mit denen nach oben zum Boxsack. Und ich hatte vor einer Zeit zum Beispiel einen Jugendlichen, der war total hibbelig, der wollte die Gruppenaufgabe gar nicht machen. Und da habe ich gesagt, kennst du den Boxsack schon, ne? Ja, komm, komm mal mit hoch. Und dann sind wir hochgegangen und dann hat er sehr eindrucksvoll auf den Boxsack eingeschlagen. Und dann sind wir ins Gespräch darüber gekommen, dass seine Stiefmutter, glaube ich, Israelin ist und dass ihn der Konflikt in Israel und Gaza sehr belastet. Und dann hat er eben noch erzählt, dass an seiner Schule auch ausschließlich alles mit Gewalt gelöst wird. Das heißt, dieser Boxsack ist für mich eine Möglichkeit für Menschen, ein Gesehen Werden zu schaffen, was ich mit normaler pädagogischer Museumsarbeit einfach nicht schaffen würde. Und deswegen mag ich diesen Boxsack so sehr, weil, glaube ich, so persönliche Momente für die Jugendlichen viel nachhaltiger sind, als wenn sie alle Geschichtsdaten auswendig lernen.[Maxi] Ich finde die Art und Weise, wie du da herangehst, einfach schön, weil ich glaube, wenn man jetzt zum Beispiel auch Schüler hat oder Schülerinnen hat, die vielleicht sagen, sie sind überfordert mit dem Thema, weil irgendwie das muss eine gewisse Ernsthaftigkeit oder sowas mitbringen, dass sie dann vielleicht einfach so ein Gefühl von Unwohlsein haben und ich finde, dass du da so rangehst und dann Hey, wir gehen einfach mal aus der Situation raus, wir machen was Interaktives und dann haben die auch noch Spaß daran. Ich finde, das klingt doch einfach alles nach einem sehr fröhlichen und freundlichen Umgang miteinander.[Mats]Und so ein Boxsack ist dann natürlich auch das perfekte Mittel, um gerade aus so Jugendlichen oder irgendwie Kiddies, die so ein bisschen einfach Bewegungsdrang haben, bisschen drüber sind gerade, genau sich nochmal so, damit die sich öffnen und und irgendwie so ein bisschen aus sich herauskommt und einfach.[Maxi]Diesen Museumskontext einfach ein bisschen niederschwelliger zu gestalten, finde ich auch sehr gut.[Mats]Absolut. Im Museum werden ja viele beeindruckende Lebensgeschichten auch erzählt und eine davon ist die von Käthe Salein Hirt. Wer war sie und warum ist ihre Geschichte eigentlich wichtig für das jüdische Leben kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs?[Jonas Kuhn]Ja, Käthe Salein Hirt war eine Schauspielerin, die vor der NS Zeit sehr gefeiert wurde und als geniale junge Künstlerin beschrieben wurde. Während der NS Zeit wurde sie als sogenannte Halbjüdin verfolgt und durfte nicht auf der Bühne stehen. Sie hat überlebt und war nach 1945 am Stadttheater in. Kiel engagiert für ein Jahr und ist danach entlassen worden. Und ihrer Ansicht nach ist sie entlassen worden, weil sie durch sogenannte NS-Frauen, nennt sie das, ersetzt worden ist. Und sie kämpft dann um Entschädigung und um Wiedereinstellung, ist aber nicht erfolgreich. Sie wird dann gezwungen in Flensburg vor dem dortigen Intendanten und zwei weiteren Herren vorzutragen, die auch alle eine NS-Vergangenheit und die attestieren ihr dann, dass sie als Schauspielerin eigentlich unfähig ist und lispeln würde und so weiter. Und sie ist dann nicht mehr erfolgreich, stimmt am Ende einer Stelle in der Verwaltung zu, verstirbt aber bevor sie die antreten kann. Anfang der Er und ihre Geschichte ist ein Beispiel dafü Für eine Person, die nach 45 kämpft, kaum eine Chance hat, weil die Gesetze einfach noch nicht so vorhanden sind und einfach auch nicht an ihre alte Karriere anschließen kann also diese 12 Jahre zerstören Karrieren zerstören, Leben und die Menschen glauben hä OK, nach den 12 Jahren kann es ja weitergehen. Aber das stimmt nicht. Nur weil wir plötzlich dann eine Demokratie haben oder die Nazis offiziell weg sind, heißt das noch lange nicht, dass die verfolgten nicht weiter Nachteile erfahren und dafür ist ihre Geschichte so ein Beispiel.[Maxi]Ich glaube auch, weil bei euch ja das große Thema jüdisches Leben ist und auch eben in der Gegenwart, dass das trotzdem immer noch wieder einen Bezug dazu findet, weil der Teil an Ausgrenzung und Diskriminierung ja immer noch da ist und es sich ja seit zwar gebessert hat und auch wieder verschlechtert hat, aber es ist ja immer noch Thema.[Mats]Und eine weitere wichtige Lebensgeschichte ist die von Norbert Wollheim. Was zeichnet sein Leben aus und warum war seine Arbeit in der Nachkriegszeit wichtig für jüdische Überlebende?[Jonas Kuhn]Ja, Norbert Wollheim hat ja Auschwitz überlebt und hat seine Frau und seinen Sohn in Auschwitz verloren. Die sind beide ermordet worden und setzt sich nach 45 in Schleswig-Holstein oder in der gesamten britischen Zone für die Überlebenden ein. Er ist sowas wie, würde ich sagen, der Pressesprecher der jüdischen Überlebenden, also so ein Zweierteam. Ein anderer Herr arbeitet im Hintergrund und Norbert Wollheim ist eben unterwegs, macht auch Reisen in die USA und so weiter. Und ich finde das schon sehr faszinierend, nach so einem Verlust so weiterzumachen. Das ist das eine. Ich glaube aber auch, dass das den Menschen damals ein Stück weit ermöglicht hat, weiterzuleben, weil sie eine Aufgabe hatten. Aufgaben helfen. Wenn man in seiner Trauer versinkt, glaube ich, ist das nicht hilfreich. Was mich an ihm sehr fasziniert ist, dass er die Entscheidung trifft, 1950 in die USA zu gehen und nicht nach Palästina. Damals ist es so, dass die Debatten eigentlich so sind, dass wenn man es ernst meint, dann geht man nach Palästina und er entscheidet sich aber für sich anders. Das finde ich beeindruckend. Und er Ich gehe jetzt, weil das Wichtigste ist getan. 1949 ist der Großteil der Überlebenden ausgewandert und es ist nicht seine Aufgabe, Deutschland wieder aufzubauen. Und das finde ich auch gut. Das fasziniert mich auch, dass er für sich sorgt. Die Aufgabe ist erledigt quasi und jetzt geht es wieder um ihn und sein Leben. Und das fasziniert mich auch sehr.[Mats] Ich finde das auch durchaus faszinierend und für ihn ja eine sehr gesunde Entscheidung, sage ich mal so am Ende von so einer Reise voller Leid, dass er eben in seinem Leben erfahren hat, dann auch auf sich selbst zu schauen und anzuerkennen, dass er viel getan hat und nicht alles tun und geben kann.[Maxi]Vor allem muss man dann halt auch mal gucken, was kann man leisten, was will man leisten und was ist dann auch wirklich nicht mehr in seiner eigenen Verantwortung, weil irgendwann muss man ja auch einfach mal Zeit haben, Mensch zu sein. Und da frage ich gibt es abseits von den Dingen, die du jetzt schon mit uns geteilt hast, noch weitere Gründe, das Museum zu besuchen, vielleicht auch gesamtgesellschaftlich gesehen?[Jonas Kuhn]Da gibt es aus meiner Sicht verschiedene Gründe, warum Menschen diesen Ort besuchen sollten. Das Erste ist, dass ich glaube, dass in der deutschen Gesellschaft sehr viele Leute eine Meinung zu Jüdinnen und Juden haben, aber meistens wenig Wissen. Das gilt auch für die Geschichte. Auch wenn man sich heutzutage auf Insta, TikTok, sonst wo relativ schnell leichte Geschichtshappen suchen kann, ist es doch so, dass wir merken, dass das Vorwissen oft sehr selektiv ist, sagen wir mal so. Und hier gibt es historische Fakten. Das ist wichtig in der heutigen Gesellschaft, dass es eben geprüfte und wissenschaftlich erarbeitete Inhalte sind. Und über jüdische Gegenwart, glaube ich, ist auch so gut wie nichts bei den meisten Leuten bekannt. Viele wissen gar nicht, dass Jüdinnen und Juden in Schleswig-Holstein leben. Und wenn, dann gibt es doch ein sehr eingeschränktes Bild. Also wir haben das oft, dass viele Leute noch diese typischen Karikaturen vom Stürmer im Blick haben, im Kopf haben, dass Jüdinnen und Juden so aussehen würden. Oder wir haben das, dass Menschen hier reinkommen und das Wort Jude mag ich nicht sagen, aber gar nicht genau reflektieren, warum. Und da hilft manchmal einfach Wissen. Und was aber auch immer der Fall ist, wenn man sich mit einer Minderheit in einer Mehrheit auseinandersetzt und Jüdinnen und Juden sind ja eine Minderheit, dann lernt man auch sehr viel über die Mehrheit. Und deswegen hat es auch etwas Selbstreflektorisches, würde ich sagen, wenn man sich mit der Geschichte und der Gegenwart einer Minderheit auseinandersetzt. Und das kann auch einen großen Mehrwert haben, wenn man hierherkommt.[Mats] Definitiv. Und genau das ist ja quasi auch der Fokus von dem Museum. Der Fokus von unserem Podcast allerdings und von diesem Projekt liegt ja vor allem auch auf dem Namen Hope and Despair. Und da wollte ich dich jetzt An welchen Stellen im Jüdischen Museum kann man Hoffnung finden oder Verzweiflung verspüren?[Jonas Kuhn] Ich glaube, das ist relativ subjektiv, wo man Hoffnung findet, und Verzweiflung verspüren kann. Ich glaube aber, Verzweiflung im Raum zur Shoah natürlich, wo wir von den Leben erzählen, die zerstört worden sind während der Shoah. Und für viele ist eben auch die Lehrstelle im Betsaal schwer auszuhalten, wenn wir da nicht gerade eine Ausstellung haben. Und Hoffnung natürlich im Bereich zur jüdischen Gegenwart. Also wenn man sieht, wie Jüdinnen und Juden sich in der Gesellschaft engagieren, sich einbringen, dass Allianzen gebildet werden mit anderen Minderheiten.[Maxi]Ich finde auch, wir müssen uns auch ein bisschen mehr aufs Jetzt fokussieren. Und es ist natürlich gut, Erinnerungsorte zu haben, aber dieses Museum ist vor allem einfach auch ein Blick aufs Jetzt und vielleicht auch in die Zukunft. Deshalb vielleicht noch mal die Was wünschst du dir für die Menschen, die in Zukunft das Museum besuchen möchten?[Jonas Kuhn]Für die nächsten Generationen, die diesen Ort besuchen wollen, wünsche ich mir, dass es ihn nicht mehr gibt, weil es ihn nicht mehr braucht.[Mats]Und ich glaube, das kann man genauso stehen lassen.[Maxi]Auf jeden Fall. Ich glaube, mehr braucht man dazu nicht sagen. Das wünschen wir uns dann mit dir.[Mats]Und unsere Reise geht ja in der nächsten Folge direkt weiter, und zwar nach Hamburg zur Gedenkstätte des alten Konzentrationslagers Neuengamme. Kannst du uns noch sagen, warum man sich diesen Ort noch nach dem Jüdischen Museum in Rendsburg anschauen sollte?[Jonas Kuhn]Ich würde den Zuhörer innen auch empfehlen, die Gedenkstätte in Neuengamme zu besuchen bei Hamburg, einfach weil dort die Zeit der Verfolgung, diese 12 Jahre vertieft werden. Dort ist noch relativ viel erhalten vom ehemaligen Schutzhaftlager. Dort arbeitet ein großartiges Team, was eine wunderbare Ausstellung gemacht hat. Es gibt sehr gute Führung, gerade auch für Schulklassen. Und dort kann man einfach diese Verfolgungszeit nochmal mehr vertiefen, auch abseits oder auch besonders abseits von jüdischen Opfern. Da werden eben auch andere Opfergruppen dargestellt. Und es ist wichtig, glaube ich, sich mit der Bandbreite auseinanderzusetzen.[Maxi]Vielen Dank, Jonas, für deine Einschätzung, für das Gespräch. Wir haben sehr viel heute über das Jüdische Museum Rendsburg gelernt. Das ist ein Ort der Gegenwart, über jüdisches Leben damals, so wie heute. Und ich glaube, dass Neuengamme noch mal eine ganz andere Folge wird. In Neuengamme sind viele schlimme Dinge passiert, viele Menschen verstorben und ich glaube, dass es trotzdem sehr interessant wird in der nächsten Folge hier bei uns.[Mats]Ich bin ebenfalls gespannt auf die nächste Folge und freue mich dann auch darauf, dass wir diese Reise tatsächlich dort abschließen können. Denn wir haben dann ja wirklich alle Perspektiven, ein gesamtes Bild von vielen verschiedenen Eindrücken, vielen verschiedenen spannenden Persönlichkeiten, die eben darüber berichten konnten, und vor allem viele Geschichten, die euch da draußen am besten auf diese Reise vorbereiten.[Maxi]Und irgendjemand muss diese Geschichten erzählen und wir machen das gerne. Wir sind Mats und Maxi und das war der Hope and Despair Podcast.
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